WiederbeschaffungszeitWiederauffüllzeit im Lager steuern
Einkaufslexikon · Aktualisiert · 6 Min. Lesezeit
Auch bekannt als: Wiederauffüllzeit, Replenishment Lead Time, Replenishment Time, Beschaffungszykluszeit, Wiederbeschaffungsdauer
Kurzantwort
- Die Wiederbeschaffungszeit ist die Zeitspanne von der Auslösung der Beschaffung bis zur Verwendungsfähigkeit der Ware.
- Sie umfasst interne Bearbeitung, Bestellabwicklung, Lieferzeit, Wareneingang und Einlagerung.
- Sie bestimmt Bestellpunkt und Sicherheitsbestand und sollte aus Ist-Daten laufend überwacht werden.
Die Wiederbeschaffungszeit bezeichnet die Zeitspanne vom Auslösen einer Bestellung bis zur Verwendungsfähigkeit der Ware im Lager. Sie umfasst Bestellabwicklung, Lieferzeit, Wareneingang und innerbetriebliche Bereitstellung. Für Einkäufer ist sie eine zentrale Größe der Disposition, da sie determiniert, wann ein Nachschubauftrag spätestens ausgelöst werden muss.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Wiederbeschaffungszeit ist die Gesamtzeit von der Bedarfsmeldung bis zur Verwendungsfähigkeit der Ware.
- Sie umfasst Bestellabwicklung, Beschaffungs-, Transport-, Wareneingangs- und Einlagerungszeit.
- Von ihr hängen Bestellpunkt, Sicherheitsbestand und Bestellmenge direkt ab.
- Sie wird typischerweise als Durchschnittswert plus Streuung erfasst und laufend überwacht.
- Ungenau erfasste Wiederbeschaffungszeiten führen häufig zu Fehlmengen oder überhöhten Lagerbeständen.
- Sie lässt sich durch Lieferantenkonsolidierung, Just-in-Time-Lieferung und Automatisierung der Auftragsabwicklung verkürzen.
Inhalt
Definition: Wiederbeschaffungszeit
Die Wiederbeschaffungszeit ist die Zeitspanne zwischen der Auslösung der Beschaffung und dem Zeitpunkt, ab dem der Nachschub wieder verfügbar ist. Sie ist damit breiter gefasst als die reine Lieferzeit des Lieferanten.
Abgrenzung zur Lieferzeit
Die Lieferzeit bezeichnet lediglich die Zeit vom Auftragsversand bis zur Anlieferung. Die Wiederbeschaffungszeit schaltet dieser Phase weitere Stufen vor und nach: interne Bearbeitung der Bedarfsanforderung (BANF), Anfrage und Auftragsvergabe, Transport sowie Wareneingangsprüfung und Einlagerung. In der Praxis liegt die gesamte Wiederbeschaffungszeit häufig deutlich über der vom Lieferanten zugesagten Lieferzeit. Wer Disposition mit der Lieferzeit allein berechnet, unterschätzt den realen Vorlauf systematisch.
Bestandteile im Einzelnen
Typische Komponenten sind: interne Bearbeitungszeit (Prüfung und Freigabe der BANF), Beschaffungszeit bis zur Auftragsbestätigung, Transport- und Zollzeiten bei internationaler Beschaffung, Wareneingangszeit einschließlich Qualitätsprüfung sowie Bereitstellungszeit bis zum Verwendungsort. Bei importierten Gütern können Zollabwicklung und Akkreditivgeschäft die Zeitspanne zusätzlich verlängern. Jede Komponente sollte als eigener Zeitblock erfasst werden, damit Verbesserungshebel identifizierbar bleiben.
Bedeutung für die Disposition
Aus der Wiederbeschaffungszeit leitet sich der Bestellpunkt ab: Sobald der Bestand auf den Verbrauch während der Wiederbeschaffungszeit plus Sicherheitsbestand fällt, muss bestellt werden. Bei streuender Wiederbeschaffungszeit wächst der erforderliche Sicherheitsbestand überproportional. Eine verlässliche, laufend aktualisierte Wiederbeschaffungszeit ist daher Voraussetzung für stabile Bestands- und Lieferservicewerte.
Methoden und Vorgehen zur Ermittlung
Die Wiederbeschaffungszeit wird idealerweise aus historischen Ist-Daten abgeleitet und nicht allein aus Lieferantenangaben übernommen.
Ist-Datenauswertung
In ERP-Systemen lassen sich Zeitstempel von BANF, Bestellung, Wareneingang und Einlagerung auswerten. Aus der Differenz ergibt sich die tatsächliche Wiederbeschaffungszeit je Artikel und Lieferant. Üblich ist eine Auswertung über rollierende Zeiträume, um Saison- und Volumeneffekte abzufedern. Der Mittelwert alone reicht nicht: die Streuung, etwa als Standardabweichung, gehört ebenfalls in die Dispositionsparameter. Ein Plan-Ist-Vergleich Bestand offenbart schnell, wo Sollwerte und Realität auseinanderklaffen.
Streuung und Sicherheitsbestand
Neben der mittleren Wiederbeschaffungszeit bestimmt ihre Varianz den Sicherheitsbestand. Hohe Streuung entsteht häufig durch unzuverlässige Termintreue, fehlende Auftragsbestätigungen oder chaotische Wareneingangsprozesse. Lieferantenstatus-Abfragen und konsequente Terminkontrolle reduzieren die Streuung oft wirksamer als pauschale Puffer. Eine ABC-Analyse hilft, Aufwand und Nutzen zu gewichten: A-Artikel verdienen enges Monitoring, C-Artikel robuste Pauschalwerte.
Datenqualität und Stammdaten
Verlässliche Disposition setzt gepflegte Stammdaten voraus. Im Stammdatenmanagement sollten geplante Wiederbeschaffungszeiten, kontraktliche Lieferzeiten und statistische Ist-Werte getrennt geführt und regelmäßig abgeglichen werden. Veraltete Stammdaten – etwa nach Lieferantenwechsel oder Umstellung auf Just-in-Time – sind eine häufige Ursache für dauerhafte Fehldisposition. Periodische Abweichungsanalysen zwischen Plan- und Ist-Zeiten halten die Parameter aktuell.
Wichtige KPIs rund um die Wiederbeschaffungszeit
Die Wiederbeschaffungszeit selbst ist eine Kennzahl; ergänzend geben weitere Größen Aufschluss über Qualität und Stabilität der Beschaffung.
Termin- und Liefertreue
Die Liefertreue misst den Anteil pünktlicher und vollständiger Lieferungen und erklärt die Streuung der Wiederbeschaffungszeit. Werte über 95 Prozent gelten in der Praxis häufig als Zielniveau, je nach Branche und Kritikalität der Artikel. Die Messung sollte je Lieferant und Artikelgruppe erfolgen, damit gezielte Maßnahmen möglich sind.
Durchlauf- und Bearbeitungszeiten
Interne Durchlaufzeiten von BANF bis Bestellung sowie von Wareneingang bis Verfügbarkeit sind oft unterschätzte Hebel. Automatisierte Freigabeprozesse und elektronische Auftragsabwicklung verkürzen diese Blöcke ohne Lagerinvestition. Auch die durchschnittliche Wiederbeschaffungszeit je Materialgruppe lässt sich als Vergleichsgröße reportingtauglich aufbereiten.
Lieferservice und Bestandskennzahlen
Lieferservicegrad und Bestandsreichweite zeigen, ob die Wiederbeschaffungszeit richtig kalkuliert ist: zu lang angesetzte Zeiten treiben Bestände, zu kurz angesetzte verursachen Fehlmengen. Ein regelmäßiger Plan-Ist-Vergleich Bestand deckt solche systematischen Abweichungen auf und macht Korrekturbedarf sichtbar.
Risiken und Kontrollen
Falsch angesetzte oder instabile Wiederbeschaffungszeiten erzeugen direkte Kosten – durch Stillstände oder gebundenes Kapital.
Liefer- und Beschaffungsrisiken
Einbrüche in der Lieferzuverlässigkeit verlängern die Wiederbeschaffungszeit unvorhersehbar. Instrumente wie die Bow-Tie-Analyse helfen, Ursachen und Gegenmaßnahmen für kritische Lieferwege systematisch zu bewerten. Bei Single-Source-Teilen kann ein Notfallteam Einkauf mit definierten Eskalationswegen die Reaktionszeit im Störfall drastisch verkürzen. Bonitätsprüfung und laufender Lieferantenstatus senken zudem das Ausfallrisiko vor der Bestellung.
Interne Prozessrisiken
Lange interne Genehmigungsketten, unklare Spezifikationen oder manuelle Dateneingaben verlängern den vorderen Teil der Wiederbeschaffungszeit. Standardisierte Katalogstrukturen und ein sauberes Stammdatenmanagement reduzieren Klärungsbedarf und Nachfragen. Regelmäßige Abweichungsanalysen zwischen geplanten und tatsächlichen Zeiten machen Engpassstellen sichtbar, bevor sie zu Lieferproblemen eskalieren.
Vertragliche Absicherung
Lieferzeiten, Reaktionszeiten und Meldepflichten bei Verzögerungen sollten vertraglich fixiert und über den Auditplan überwacht werden. Bei internationalen Geschäften, etwa mit Akkreditivgeschäft, verlängern dokumentenbezogene Schritte die Wiederbeschaffungszeit zusätzlich und bedingen eine sorgfältige Prozessplanung. Rechtliche Details im Einzelfall sollten stets fachlich geprüft werden.
Aktuelle Entwicklungen: Wiederbeschaffungszeit optimieren
Digitalisierung, engere Lieferantenintegration und strategische Beschaffungsmodelle senken sowohl die mittlere Wiederbeschaffungszeit als auch ihre Streuung.
Automatisierung der Auftragsabwicklung
Elektronische Anfragen, automatisierte Bestellübermittlung und Lieferavise verkürzen die administrativen Anteile der Wiederbeschaffungszeit erheblich. Katalogbasierte Beschaffung über eine strukturierte Katalogstruktur reduziert Klärungsbedarf bei Standardteilen. B2B-Marktplätze mit vergleichbaren Angeboten und transparenten Lieferzeiten erleichtern zudem die Neubeschaffung bei Ausfall eines Lieferanten.
Lieferantenintegration und Beschaffungsstrategien
Just-in-Time-Lieferung verschiebt Teile der Wiederbeschaffungszeit aus der eigenen Disposition in einen getakteten Nachschub und senkt Lagerbestände – bei erhöhter Abhängigkeit vom Lieferanten. Strategische Allianzen und Rahmenverträge mit festen Reaktionszeiten stabilisieren die Beschaffungszeiten kritischer Artikel. Eine Outsourcing-Potenzialanalyse kann zeigen, ob ganze Beschaffungsbündel extern effizienter abgewickelt werden können, etwa mit Skaleneffekten durch gebündelte Volumina.
Planung und Steuerung
Im Umfeld von S&OE wird die kurzfristige Nachschubsteuerung laufend mit den realen Wiederbeschaffungszeiten abgeglichen, statt einmal im Monat zu disponieren. Moderne Systeme nutzen maschinell ermittelte Ist-Zeiten und prognostizieren Engpässe frühzeitig. Ergänzend liefern strukturierte Ausschreibungen mit klaren Bieterinformationen verlässliche Beschaffungszeiten schon vor der Vergabe.
Typische Kennzahlen
| Kennzahl | Richtwert | Einordnung |
|---|---|---|
| Mittlere Wiederbeschaffungszeit | artikelabhängig, typischerweise Tage bis Wochen | aus Ist-Zeitstempeln je Artikel ermitteln, nicht aus Stammdaten übernehmen |
| Streuung der Wiederbeschaffungszeit | möglichst geringe Standardabweichung | bestimmt den Sicherheitsbestand maßgeblich |
| Liefertreue | > 95 % | übliches Zielniveau, je Branche und Artikeldritikalität unterschiedlich |
| Interne Durchlaufzeit BANF bis Bestellung | typischerweise 1–5 Werktage | häufig unterschätzter Hebel zur Verkürzung |
| Lieferservicegrad | > 98 % | zeigt, ob Wiederbeschaffungszeit realistisch angesetzt ist |
Typische Richtwerte aus der Praxis – je nach Branche, Teil und Vertrag abweichend.
Praxisbeispiel
Ein mittelständischer Maschinenbauer stellte fest, dass zwar die Lieferzeiten seiner Kernlieferanten eingehalten wurden, die Wiederbeschaffungszeit für Standardkomponenten aber dennoch regelmäßig 30 Prozent über den Stammdatenwerten lag. Eine Ist-Datenauswertung zeigte, dass die interne Bearbeitung der BANFs und die manuelle Wareneingangsbuchung die Hauptanteile verursachten.
- Auswertung der tatsächlichen Wiederbeschaffungszeiten aus ERP-Zeitstempeln je Artikel und Lieferant
- Automatisierung der Bestellübermittlung und Einführung einer strukturierten Katalogstruktur für C-Teile
- Einführung einer Abweichungsanalyse zwischen geplanten und Ist-Zeiten im Monatsrythmus
- Reduzierung des Sicherheitsbestands bei A-Artikeln nach stabilerer Terminverfolgung über den Lieferantenstatus
Fazit
Die Wiederbeschaffungszeit ist mehr als die Lieferzeit des Lieferanten: Sie bildet den gesamten Vorlauf von der Bedarfsanforderung bis zur Verwendungsfähigkeit ab. Wer sie realistisch und differenziert je Artikel erfasst, disponiert stabiler und hält weniger Pufferbestände. Die größten Hebel liegen häufig in internen Prozesszeiten und in der Streuung, nicht in der mittleren Lieferdauer. Regelmäßige Abgleiche zwischen Plan- und Ist-Werten halten die Parameter belastbar. Damit wird die Wiederbeschaffungszeit zum Steuerungsinstrument für Lieferservice und Kapitalbindung zugleich.
Häufige Fragen
Was ist die Wiederbeschaffungszeit?
Die Wiederbeschaffungszeit ist die Zeitspanne vom Auslösen der Beschaffung bis zur Verwendungsfähigkeit der Ware im Unternehmen. Sie umfasst interne Bearbeitung, Bestellabwicklung, Lieferzeit, Wareneingang und Einlagerung. Sie ist die Grundlage für Bestellpunkt und Sicherheitsbestand in der Disposition.
Was ist der Unterschied zwischen Wiederbeschaffungszeit und Lieferzeit?
Die Lieferzeit bezeichnet nur die Zeit vom Auftragsversand bis zur Anlieferung beim Lieferanten. Die Wiederbeschaffungszeit schließt zusätzlich interne Vor- und Nachlaufzeiten wie BANF-Bearbeitung, Transport, Wareneingangsprüfung und Bereitstellung ein. In der Praxis liegt sie deshalb häufig deutlich über der zugesagten Lieferzeit.
Wie berechnet man die Wiederbeschaffungszeit?
Sie wird aus den Zeitstempeln von Bedarfsanforderung, Bestellung, Wareneingang und Bereitstellung im ERP-System ermittelt. Üblich ist der Mittelwert über einen rollierenden Zeitraum, ergänzt um die Streuung als Standardabweichung. Aus beiden Werten lassen sich Bestellpunkt und Sicherheitsbestand ableiten.
Wie kann man die Wiederbeschaffungszeit verkürzen?
Wirksame Hebel sind Automatisierung der Auftragsabwicklung, klare Katalogstrukturen für Standardteile und schlanke interne Freigabeprozesse. Auf Lieferantenseite verbessern Rahmenverträge, Lieferavise und laufender Lieferantenstatus die Verlässlichkeit. Just-in-Time-Lieferung kann die Vorlaufzeiten zusätzlich reduzieren, erhöht aber die Abhängigkeit vom Lieferanten.
Warum ist die Streuung der Wiederbeschaffungszeit wichtig?
Neben der mittleren Dauer bestimmt die Streuung den benötigten Sicherheitsbestand: Je unzuverlässiger die Zeiten, desto größer der Puffer. Hohe Streuung entsteht oft durch mangelnde Termintreue oder interne Prozessschwankungen. Durch Terminverfolgung und Prozessstabilisierung lässt sich der Sicherheitsbestand häufig senken, ohne den Lieferservice zu riskieren.
